Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen! Amen.
Jesaja 63, 15 - 64, 3
15 Herr, schau doch
herab vom Himmel, von deinem heiligen und majestätischen Thron!
Warum setzt du dich nicht mehr mit ganzer Kraft für uns ein? Wo
sind deine großen Taten? Warum hältst du dich zurück? Schlägt
dein Herz nicht mehr für uns? Ist deine Liebe erloschen? 16 Du bist doch
unser Vater! Abraham weiß nichts von uns, und auch Jakob kennt
uns nicht. Du, Herr, du bist unser Vater. "Unser Erlöser"
- so hast du von jeher geheißen. 17 Warum lässt du
uns vom richtigen Weg abirren? Warum hast du uns so eigensinnig
werden lassen, dass wir keine Ehrfurcht mehr vor dir haben? Bitte,
wende dich uns wieder zu! Wir sind doch immer noch deine Diener,
das Volk, das dir gehört. 18 Für kurze Zeit
haben die Feinde dein heiliges Volk vertrieben und dein Heiligtum
zertreten. 19 Es geht uns so,
als hättest du nie über uns geherrscht, als wären wir nie das
"Volk des Herrn" gewesen! Ach Herr, reiß doch den
Himmel auf, und komm zu uns herab! Lass vor deiner Erscheinung
die Berge ins Wanken geraten!
Komm schnell - so wie ein Feuer, das im
Nu einen Reisighaufen verzehrt und Wasser zum Sieden bringt! Lass
deine Gegner erfahren, wer du bist. Die Völker sollen vor dir
zittern.
2 Denn du
vollbringst so furchterregende Taten, wie wir sie uns nicht
vorstellen können. Ja, komm doch herab, lass vor deiner
Erscheinung die Berge ins Wanken geraten!
3 Denn noch nie hat
man so etwas gehört. Seit die Erde steht, hat noch niemand einen
Gott wie dich gehört oder gesehen. Nur du kannst den Menschen,
die auf dich vertrauen, wirklich helfen.
Liebe Gemeinde!
Es hatte alles so gut begonnen. Sie waren eine kleine Firma, die
mit ihren Produkten eine Nische belegte, in der sie einzigartig
waren. Jedes Team-Mitglied war vom Chef persönlich ausgewählt
und angeworben worden. Jede Mitarbeiterin, jeder einzelne
Mitarbeiter, war mit ihren, seinen Fähigkeiten unersetzlich, und
alle wussten, dass das so war. Und so begegneten sie einander mit
der entsprechenden Wertschätzung. Die Leute von der
Entwicklungsabteilung sprachen stets in den höchsten Tönen vom
Außendienst, in der Produktion hörte man nur das Beste über
die Kollegen aus dem Büro, die Marketing-Crew äußerte sich
ausschließlich positiv über die Reinigungstruppe. Ein guter
Geist wehte in sämtlichen Bereichen des kleinen aber feinen
Unternehmens.
Das motivierte wiederum alle und bald hatten die Produkte ein
Qualitätsniveau erreicht, das unsere Firma zum unangefochtenen
Marktführer in der Branche machte. Hinter all dem Gelingen stand
neben den engagierten Mitarbeitern vor allem der Chef, der es
immer wieder verstand, sich anbahnende Krisen zu entschärfen,
drohende Gefahren abzuwenden, in Konflikten zu vermitteln. Ein
wunderbares Zusammenspiel von Fähigkeiten und Neigungen, ein
Erfolg, der andere aufhorchen und nach den Ursachen fragen ließ,
eine Geschichte, die viele mit unterschiedlichem Ergebnis
nachzuahmen versuchten.
Aber irgendwann war die Sache dann doch aus dem Ruder gelaufen.
Irgendwann, keiner konnte mehr sagen, wann und wo genau, hatten
sich Neid, Eifersucht und Misstrauen eingeschlichen. Zuerst
unmerklich, aber dann immer deutlicher, war das Klima zwischen
den Kolleginnen und Kollegen untereinander, und auch das
Verhältnis zwischen Angestellten und Chef, vergiftet worden.
Alle litten darunter, aber keiner fand einen Weg aus dieser immer
verfahrener werdenden Situation. Schließlich begann auch die
Qualität der Produkte zu leiden und zum Ausbleiben der Kunden
gesellte sich nun auch noch die Häme der Konkurrenz. Vorbei
waren die Zeiten, in denen andere mit einer Mischung aus
Ehrfurcht und Verwunderung von dem kleinen Betrieb gesprochen
hatten, vorbei die Zeiten, in denen unsere Belegschaft als
Vorbild in allen Bereichen der Unternehmenskultur galt.
Wie hatte das nur geschehen können? Und vom Chef, der so oft
zuvor seine Fähigkeiten als Feuerwehrmann und Krisenmanager
unter Beweis gestellt hatte, war keine Spur zu sehen, kein
Sterbenswörtchen zu vernehmen. "Was ist da los?"
fragten sich viele "Hat der Chef kein
Interesse mehr an seiner Firma? Oder bekommt er etwa von all den
schlimmen Vorgängen gar nichts mit? Er ist doch der einzige, der
das Unternehmen noch retten kann. Warum lässt er nichts von sich
hören, warum greift er nicht ein?!".
Warum greift Gott nicht ein, diese Frage
treibt auch den Propheten, der nach der Rückkehr aus dem
babylonischen Exil sehen muss, dass sich viele Erwartungen nicht
erfüllen, nicht so erfüllen, wie sich es das Volk Israel in der
Gefangenschaft ausgemalt hatte.
Doch Jesaja ist kein Jammerer. Ihm fehlt es nicht an
selbstkritischem Klarblick und historischem Verständnis. Und so
spricht er im Umfeld des heutigen Textes zwei Dinge an, die mir
wesentlich erscheinen, auch wenn sie für sich allein keine
befriedigende Antwort in der aktuellen Situation geben.
Jesaja ahnt einen Zusammenhang zwischen Gottes Schweigen und der
Treulosigkeit seines Volkes. Das kann ein Hinweis für mich
persönlich sein, meinen Gehorsam Gott gegenüber einmal auf den
Prüfstand zu stellen. Aber es beantwortet bei weitem nicht alle
Fragen. Von den Katastrophen, die sich ereignen, sind viele
betroffen, die mit ihren Ursachen nichts zu tun haben. Die
Rücksichtslosigkeit und Gier der einen erzeugen oft Elend für
ganz andere, und der Zusammenhang zwischen Handeln und Ergehen
ist längst nicht so klar und eindeutig, wie manche es gerne
sähen.
Die Not schlägt wahllos zu, und das zeigt dann umso mehr auf,
wie sehr die Firma Schöpfung schon als ganzes beschädigt ist,
und wie sehr sie einer Runderneuerung, ja: einer Neugründung
durch ihren Erfinder, Erbauer und Betreiber bedarf. Von dem
"Und siehe, es war sehr gut" des Anfangs ist einiges
verlorengegangen, und die Menschen haben ihr Teil dazu
beigetragen. Jesaja weiß das und verschweigt es nicht.
Aber dann erinnert Jesaja sich, seine Zeitgenossen und uns auch
daran, dass Gott in der Vergangenheit ja schon unzählige Male
eingegriffen hat. Auch nach erwiesener Unzuverlässigkeit seines
Volkes. Oft war dieses Eingreifen erst im Nachhinein als solches
erkennbar gewesen, aber es hatte doch unzweifelhaft stattgefunden.
Und genau diese Erinnerung macht dem Propheten Mut, sich wieder
und mit großer Beharrlichkeit an Gott zu wenden. Aus einer
anderen Ecke war sowieso keine mehr Hilfe zu erwarten. Die
Götzen, seien es politische Bündnispartner, eigene
wirtschaftliche Stärke oder selbstgebastelte Figuren aus allen
möglichen Materialien, hatten sich hinlänglich als nutzlos
erwiesen. Nur die Erinnerung an Gottes Geschichte mit seinem Volk
lässt ihn weiterhoffen und weiterrufen. Er liegt Gott in den
Ohren, er packt ihn bei seiner Ehre. Und wenn er auch noch so
lange auf Antwort warten muss, er gibt nicht auf und hofft
entgegen allem Anschein auf das Eine: Gott greift ein!
Und wir, als viel später geborene, dürfen sehen, dass die Rufe
und Bitten des Propheten nicht ungehört verhallten. Wir können
erkennen und bestätigen: Jesaja hatte Recht, Gott greift ein!
Gott greift ein, Darauf warten wir, wenn wir Advent feiern. Und
dann ertönt mitten in der Nacht, zum Zeitpunkt der größten
Kälte und Dunkelheit der Ruf: Euch ist heute der Heiland geboren.
Jahrhunderte nach der Ankündigung durch den Propheten zwar und
ganz anders als von den meisten erwartet kam er schließlich. Der
allmächtige Gott in Gestalt eines ohnmächtigen Kindes. Eben
nicht einer, der die Verhältnisse zwischen Opfern und
Unterdrückern lediglich umkehrt, sondern einer, der dieses
System als ganzes durchbricht.
Wie Jesus sein Leben lebt wissen wir. Wir wissen, dass er Wunder
tat, Kranke heilte. Wir wissen, dass er für uns gelitten hat und
zuletzt wie ein Mensch gestorben ist. Und Gott greift:
Jesus steht von den Toten auf und
erscheint als Auferstandener vielen Menschen,
Gott greift ein - das will ich mir merken. Das will ich der Angst
und der Mutlosigkeit entgegenhalten wenn sie wieder einmal zum
Angriff auf mein Vertrauen in Gott und seine handelnde Gegenwart
blasen.
Gott greift ein, das gilt auch für unsere gegenwärtige Zeit.
Und Gott hört mich, das durfte ich in meinem Leben schon etliche
Male entdecken. Nicht immer sofort. Nicht immer ganz
offensichtlich. Nicht immer wie erwartet. Aber in vielen Fällen,
in denen sich etwas zum Guten gewandelt hat, kann ich heute
darüber staunen, wie längst vergessene Gebete auf einmal
erhört wurden. Oft mit einiger Verzögerung, zum Teil erst auf
den zweiten Blick erkennbar und nicht selten überraschend anders,
aber doch immer so, dass ich mich reich beschenkt wissen darf.
In vielen gefährlichen Situationen war seine schützende Hand
über mir. Vor manchen Irrwegen hat er mich durch scheinbar
lästige Hindernisse bewahrt. In einer ganzen Reihe von
kniffligen Fragen flog mir auf einmal eine Antwort zu, die mich
selbst überraschte und mir und anderen weiterhalf.
Jesajas Vision über Gottes Eingreifen
lesen wir nur 2 Kapitel später: (Jesaja 65, 17 - 25):
Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde
schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht
mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich
immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will
Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude, und ich will
fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk.
Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die
Stimme des Klagens. Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur
einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen,
sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die
hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. Sie werden
Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und
ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer
bewohne und nicht pflanzen, was in anderer esse.
Denn die Tage meines Volkes werden sein wie die Tage eines Baumes,
und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. Sie
sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen
Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des Herrn,
und ihre Nachkommen sind bei ihnen. Und es soll geschehen: ehe
sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich
hören. Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird
Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen.
Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem heiligen
Berge, spricht der Herr.
Und da klingt schon an, was sich später in der Offenbarung des
Johannes wiederfindet in Worten von unüberbietbarer sprachlicher
Dichte und Strahlkraft (Offenbarung 21, 1 - 5a):
Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste
Himmel und die erste Erde vergingen und das Meer ist nicht mehr.
Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus
dem Himmel herabfahren, bereitet wie eine geschmückte Braut
ihrem Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron, die
sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird
bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein, und er selbst,
Gott, wird mit ihnen sein; und Gott wird abwischen alle Tränen
von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch
Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist
vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache
alles neu!
Liebe Gemeinde!
Gott greift ein, das steht im ganz großen Maßstab wohl noch aus.
Es ist momentan in vielen Bereichen nur zu erahnen. Die Spannung
zwischen dem schon jetzt und dem noch nicht auszuhalten, bleibt
eine große Herausforderung für meinen Glauben. Umso wichtiger,
dass es nicht unter den Tisch fällt, nicht in Vergessenheit
gerät:
Gott greift ein, das ist die Botschaft des Advents.
Gott greift ein. Das sagt mir meine Bibel auf 1742 Seiten. Gott
greift ein, das bezeugt sie mir in 66 Büchern.
Gott greift ein, und es lohnt sich, wenn ich mir immer wieder die
Frage stelle, ob das für mich tröstlich klingt oder bedrohlich.
Gott greift ein, das ruft zum Widerstand gegen die angebliche
Unabänderlichkeit von Zuständen und Verhältnissen.
Gott greift ein, das ist nicht eine abgeschlossene und hübsche
aber belanglose Geschichte aus längst vergangener Zeit, sondern
die Hoffnung, die mich heute leben lässt und die weiter geht.
Gott greift ein, das sollen wir einander zurufen und auch
außerhalb der Mauern unserer Kirchen bekannt machen.
Advent, das sind ja nicht nur die paar Wochen jedes Jahr vor dem
Weihnachtsfest. Advent ist ein Schöpfungs-Zustand. Advent ist
der Weg, auf dem mir Gott entgegenkommt, um mein ganzes Leben zum
Blühen zu bringen und reich zu machen. Advent ist zu jeder
Jahreszeit, an jedem Tag, bis unser Herr wiederkommt.
So spreche ich Amen, das heißt so soll
es sein
Und der Friede Gottes, der größer ist
als unsre Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne In Jesus
Christus Amen