Nikolaus Ludwig, Graf und Herr von Zinzendorf und Pottendorf, Herr der Herrschaften Freydeck, Schöneck, Thürnstein und des Tals Wachau, auch Erblehn- und Gerichtsherr der Güter Ober-, Mittel- und Nieder-Bertholsdorf samt Herrnhut; der Römisch-Kaiserlichen Majestät Obrist-Erblandjägermeister im Herzogtum Österreich unter der Enns, Ihro Majestät des Königs August II. in Polen bei dero Kursächsischer Landesregierung ehemaliger Hof- und Justizrat ist es, den ich meine: sagte August Gottlieb Spangenberg.

So lautet der Titel des Mannes, um den es in diesem Gottesdienst gehen soll.  Zur Vorbereitung habe ich drei Bücher über ihn gelesen. Und nun will ich versuchen Ihnen einen Einblick in das Leben und Wirken von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf zu geben.  Um mich nicht in den Daten seines Lebenslaufes zu erschöpfen, habe ich Ihnen diese aufgeschrieben und ausgeteilt.  Dort finden Sie auch die Quellen auf die ich mich beziehe, Wobei natürlich mit dem Lebenslauf die Entwicklung und das Wirken eines Menschen sehr eng verknüpft ist.  Graf von Zinzendorf war ein besonderer Mensch, und so sprengt  das, was von ihm zu sagen wäre, bestimmt den Rahmen dieser Predigtzeit.

Folgende besonderen Charakteristika von Zinzendorf möchte ich Ihnen vorstellen:

Der Jesusmystiker

Zinzendorf ist als der große Jesusliebende in Theologie- und Kirchengeschichte eingegangen. Einer seiner berühmten Aussprüche: „ Ich habe nur eine Passion und die ist Er, nur Er.“  Die Innigkeit von Zinzensdorfs Glauben beruht darauf, dass er schwere Glaubenszweifel stellvertretend für sein ganzes Zeitalter durchlitten hat. Der Graf überwand die seit der Kindheit seinen Glauben bedrohenden Zweifel durch seine Liebe zu Jesus. An dieser Liebe fanden die Zweifel  der Vernunft ihre Grenze. Obwohl Zinzendorf den in Jesus nahen Gott ins Zentrum seines Glaubens stellte, bewahrte er doch gleichzeitig lebenslang das Bewusstsein des Abstandes zwischen Geschöpf und Schöpfer. Er konnte seine Glaubenszweifel  übrigens nicht ein für allemal überwinden. Noch als älterer Mann berichtet er, dass sie ihn während des Wegs auf die Kanzel belästigen. Erst beim Predigen wären sie vollständig verschwunden.

Der Graf bemühte sich, in seiner Nachfolge Züge des Lebens Jesu nachzuahmen, und war dazu bereit, auch unkonventielle Wege zu gehen. Weil Jesus durch Israel gewandert ist, wanderte Zinzendorf durch ganz Europa, ohne einen Wagen zu benutzen. Für den Grafen war das ein echtes Opfer, weil er nach seinem eigenen Bericht die ersten Lebensjahre nur „gedielten“ Boden unter die Füße bekommen hatte, also kein geübter Läufer war. Zudem war er kurzsichtig. Nach anstrengenden Fußmärschen war er oft wochenland krank. Zinzendorf erkannte die Armut als wesentliches Merkmal der Nachfolge Jesu. Trotz seiner Herkunft aus dem Hochadel lebte er deswegen völlig anspruchslos, z. B. was Essen und Kleidung betraf.

Der Beter

Zinzendorfs Frömmigkeit ist wesentlich geprägt vom als Gespräch mit Gott verstandenen Gebet. Dazu waren Stille und Zurückgezogenheit nötig. Die Wanderungen kreuz und quer durch Europa dienten nicht zuletzt diesem Gespräch mit Jesus. Außerdem hat der Graf sich immer wieder tage-, ja wochen- und monatelang aus dem dynamischen Gemeindeleben an geheime Orte zurückgezogen, um in der Stille Gemeinschaft mit dem Auferstandenen zu haben.

 

Der Bibelliebhaber

Wie die anderen Väter des älteren Pietismus betrachtete Zinzendorf die Bibel weniger als ein Lehrbuch dogmatischer Sätze für Theologen, denn als ein Lebensbuch für Laien. In einem schier unerschöpflichen Reichtum an Ideen versuchte der Barockpietismus dem einfachen Mann die Bibel nahezubringen. Die vielleicht originellste Erfindung der pietistischen Bibelbegeisterung  waren die Losung Zinzendorfs. Schon ab 1728 gab der Graf der Gemeinde in Herrnhut während der abendlichen Singstunde ein kurzes Wort für den kommenden Tag mit. 1731 kam das erste gedruckte Losungsbuch heraus und erscheint mittlerweile in der 279. Ausgabe in über 50 Muttersprachen. So kann die Bibel in unser Leben hineingewoben werden. So ist für jeden Tag, den Gott werden lässt, ein Wort zur Ermunterung und Parole da und begleitet uns, so wie auch Jesus uns zugesagt hat: Ich bin bei Euch jeden Tag bis an das Ende der Welt. Zinzendorfs Bibelfrömmigkeit war nicht blind gegenüber den Fragen der einsetzenden Bibelkritik. Er hat die Ergebnisse der kritischen Bibelauslegung in der Brüdergemeine öffentlich diskutiert. Im Gegensatz zur lutherischen Orthodoxie, die glaubte, dass man die Göttlichkeit der Schrift rational beweisen könne, war Zinzendorf der festen Meinung, dass Gott es gar nicht nötig hat, Fehler wie ein anderer Autor nachzubessern. Gott selbst muss dem Leser und Hörer durch seinen Geist ihr Verständnis öffnen. Zinzendorf entdeckte damit Luthers reformatorisches Schriftverständnis wieder. Weil Gottes Wort in der Heiligen Schrift in Windeln und Stroh eingewickelt ist, kann nur der Heilige Geist das Verständnis der inneren Klarheit der Schrift schenken.

Der theologische Autodidakt

Der ältere Pietismus entdeckte den mündigen Laien und den Wert seiner Mitarbeit in der christlichen Gemeinde und überwand wenigstens ansatzweise die protestantische Pastorenkirche in Richtung auf mehr Mitsprache und Teilhabe aller am Gemeindeleben.

Zinzendorf studierte in Wittenberg Jura, war aber sehr interessiert an den lutherischen Theologiestudien, da er doch in Halle im Hause und in der Schule des August Hermann Francke in der Hochburg des Pietismus aufgewachsen war. Später wurde er, ohne je Theologie studiert zu haben, sogar zum Pfarrer ordiniert. Heute wird der Graf als die originellste und bedeutendste christliche Persönlichkeit des 18. Jahrhundert betrachtet.

1729 sprach der vom halleschen Pietismus geprägte Pfarrer Mischke Zinzendorf die Bekehrung und damit das Christsein ab. Für die Schüler und Nachfolger Franckes war die Bekehrung nämlich nur dann echt, wenn ihr ein Bußkampf mit Tränen der Reue über die eigene Schuld vorausging. Zinzendorf jedoch, der aus einer pietistischen Familie stammte und in den Glauben hineingewachsen war, widerfuhr kein solches Bekehrungserlebnis. Er erkannte, dass nicht der Bußkampf, sondern der Glaube an den Erlösungstod Jesu Christi das entscheidende Kriterium des Christseins war und ist. Gerecht aus Glauben – nur der Heilige Geist schenkt die Nähe Jesu. Damit war Zinzendorf ganz nah bei Martin Luther.  Zinzendorf war ein Mensch der Ökumene und erfreute sich der Bekanntschaft und Kenntnis vieler anderer Religionen und Glaubensrichtungen. In allen Konfessionen entdeckte er Menschen, die Jesus liebten. So lernte er in seiner Pariser Zeit den katholischen Kardinal de Noailles kennen und schätzen. Bei seinem zweiten Amerika-Aufenthalt lud er in Pennsylvania zu den ersten ökumenischen Konferenzen im Rahmen des Protestantismus ein und versuchte die zerstrittenen evangelischen Gruppen zusammenzubringen.

Zinzendorf primäres ökumenisches Praxisfeld bildete die Herrnhuter Brüdergemeine selbst. Da sich von Anfang an Menschen aus unterschiedlichen Konfessionen und mit verschiedener geistlicher Prägung zusammenfanden, war die Frage nach ökumenischer Toleranz gestellt. Und dieses bildete sich in den verschiedenen weltweiten Brüdergemeinen heraus.

Der Seelsorger

Zinzendorf war einer der großen Seelsorger der neueren Kirchengeschichte. Als christliche Experimentalsiedlung war die Brüdergemeine stärker auf Seelsorge angewiesen als andere Gemeinden. Häufig wechselnde Arbeitsfelder stellten für jeden Mitarbeiter fortwährend neue Herausforderungen dar. Weil Christus sich in jedem Menschen in anderer Weise verkörpert, muss jedem Menschen in der Seelsorge auf besondere Art begegnet werden. Zinzendorf warnte immer wieder vor einem falschen Vertrauen in die Machbarkeit der Seelsorge. Seelsorge war für ihn Nacharbeit des Heiligen Geistes. Er verlangte vom Seelsorger eine fast übermenschliche Geduld, bevor er über geistliche Dinge reden durfte: „ Wenn man Zeit hat, so sind zwanzig Jahre nicht zu viel, einer Person nachzugehen und ihr kein Wort zu sagen und doch den rechten Moment gleich zu ergreifen.“ Seelsorge darf nicht zu einer religiösen Leistung verkommen.

Der Dichter

Von Zinzendorf sind mehr als zweitausend Lieder erhalten. Neben den Losungen trugen vor allem seine Lieder dazu bei, dass er bis heute in der christlichen Gemeinde bekannt blieb. Wir singen seine Lieder ja während des ganzen Gottesdienstes. Eine Besonderheit Zinzendorfs bestand darin, dass er während der Versammlungen aus der Situation heraus neue Lieder schuf, die er der Gemeinde unmittelbar vorsagte, damit sie diese mitsingen konnten.

Der Gemeindeleiter

Der weitaus größte Teil von Zinzendorfs Tätigkeit könnte mit dem modernen Wort „ Gemeindeaufbau“ bzw. „ Gemeindegründung“ beschrieben werden. Wie die beiden Brennpunkte einer Ellipse bildeten Jesus Christus und die Gemeinde die Schwerpunkte seines Denkens. Er sagte: „ Es gibt kein Christentum ohne Gemeinschaft.“ Was allein dieser Satz für die heutige Situation in Deutschland oder auch Gersthofen bedeuten kann, möge sich jeder selber durchdenken. Der Graf war wie Luther der Überzeugung, dass Gott die Kirche gestiftet hat, damit kein Christ allein gegen den Teufel kämpfen muss. Die besondere Aufgabe der Brüdergemeine bestand für ihn darin, die zum großen Teil erstarrten Staatskirchen Europas mit der Botschaft von Jesus Christus zu „durchsäuern“.

 

Der Städtegründer

Die Städtegründungen, die Zinzendorf auf allen Kontinenten in Form von brüderischen Ortsgemeinden förderte, sind nicht so bekannt. Mustersiedlung wurde Herrnhaag in der Wetterau nördlich von Frankfurt. Auch die Architektur ist immer Ausdruck des Geistes, der eine bestimmte Kulturepoche prägt. Denken Sie an Romanik, Gotik, Renaissance, Barock bis in die Moderne. Ich werde hier darauf verzichten, sowohl den organisatorischen Aufbau der Brüdergemeinen als auch das Leben in Herrnhut oder Herrnhag zu schildern. Es würde diesen Rahmen einfach sprengen, ist aber mit dem Leben des Grafen von Zinzendorf auf das Engste verwoben. Genauso war auch in der Architektur der Städte etwas zu sehen und zu spüren von der Ideenvielfalt des Grafen. In Nordamerika gründete er die Stadt Bethlehem im Staat Pennsylvania. Damals lag sie mitten im Indianergebiet, heute ist sie eine große Industriestadt.

Der Weltreisende

Johann Gottfried von Herder hat Zinzendorf als einen Eroberer bezeichnet, weil er sich rühmen konnte, in aller Welt Gemeinen und Anhänger zu besitzen. Tatsächlich umfasste seine Wirksamkeit die ganze Welt. Die Reisen kreuz und quer durch Europa erinnern an die Heimatlosigkeit Jesu Christi. Ganz bewusst verstand der Graf seine eigene Ausweisung aus Sachsen als Anteilhabe am Geschick Jesu Christi. Seine Reisen führten ihn von Russland nach England, von Dänemark bis in die Schweiz und nach Mittel- und Nordamerika. Er war einer der Ersten des Hochadels, der die Neue Welt selbst bereiste. Schließlich war es auch ihm zu verdanken, dass die deutschen Lutheraner Nordamerikas nicht untergingen. Damit überwand das Luthertum mit Zinzendorfs Hilfe die Beschränkung auf Europa und wurde zu einer Konfession mit weltweiter Ausdehnung.

 

Warum taucht nun Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf in dieser Themenreihe auf? Wo ist er angeeckt? Mit wem hat sich gerieben? Einiges war bestimmt schon zwischen den Zeilen zu hören. Mit dem Blick auf seinen Lebenslauf wird manches auch noch deutlicher.

Schon während der Schul- und Studienzeit brannte er für Jesus Christus und suchte die Nähe von Menschen, die so wie er dachten. Das war dann auch in der Dresdner Zeit der Fall, in der er als Hofrat ehrenamtlich für die kursächsische Regierung tätig war. Hier gab er sogar im Geheimen eine Zeitschrift, den „ Dresdner Sokrates“ heraus, in der er mit dem Pastorenstand abrechnete. Die Reformation war halt schon fast zweihundert Jahre vorbei und es gab schon genug eingefahrene Gleise, die erneuert werden sollten. Fand zumindest Zinzendorf. Ab 1722  besiedelten Glaubensflüchtlinge aus Böhmen und Mähren die gräflichen Ländereien und gründeten Herrnhut. Aufgrund der politischen Lage war diese Situation schwierig und die Schwierigkeiten wuchsen. In Wien am kaiserlichen Hof war man nervös. Auch die Regierung in Dresden erwog ein Einschreiten. 1727 zählte man in Herrnhut bereits 300 Einwohner, darunter 150 Mähren. Wie schon gesagt, Zinzendorf wirkte bei der Gestaltung von Herrnhut entscheidend mit und prägte die Brüdergemeine. Die Brüder wurden auf ein Leben in und für die Mission in alle Welt vorbereitet. Auch die Frauen der Gemeine hatten ihr eigenständiges Leben und Wirken. Damit leistete Zinzendorf der weiblichen Emanzipation Vorschub. Aber über Herrnhut will ich gar nicht ausführlich sprechen. Doch man stelle sich vor, warum der Graf sein Land verlassen musste. Kaiser Karl VI. sandte 1731 von Wien aus eine geharnischte Beschwerde an den kursächsischen Hof nach Dresden. Er hatte das Schreiben sogar selbst unterschrieben. Der Graf von Zinzendorf locke  kaiserliche und leibeigene Untertanen aus seinem Lande und stifte dadurch nur böse Unruhe. August der Starke reagierte prompt und gab Anweisung dieses Handeln des Zinzendorf zu unterbinden. Aber erst 1736 wurde Zinzendorf aufgefordert sich unverzüglich außer Landes zu begeben. Seine Frau Erdmuthe Dorothea geb. von Reuß blieb auf Herrnhut und verwaltete die Geschäfte. Sie führten eine Streiterehe, d.h. beide Ehepartner dienten zuerst Jesus Christus. Der Graf ging auf Reisen und folgte den Wegen, die Jesus ihm vorgab.

Ich habe in der Vorbereitung auf diese Kanzelrede Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf als eine sehr interessante Persönlichkeit kennengelernt. Ich bin erstaunt, was dieser Mann in seinem Leben - und das waren auch nur 60 Jahre – getan und gewirkt hat. Vor allem sind seine Errungenschaften auch heute noch bei uns spürbar. Die Losungen und Lieder, die direkt auf ihn zurückgehen. Aber auch Laienprediger wie mich gibt es, weil er es auch so gelebt hat. Noch heute ist der Name Herrnhut und was dafür steht, in der ganzen Welt gekannt.

Graf von Zinzendorf erinnert mich an Paulus. Ähnlich liest sich die Apostelgeschichte und auch die Briefe des Paulus hatten denselben Inhalt  wie die über 2000 Reden Zinzendorfs. Er ist ein Vorbild für uns, aber nicht damit wir ihn anhimmeln und vergöttern. Das wäre ihm zuwider. Er hat auf die Mitte gezeigt – auf Jesus Christus, der auch für uns in den Tod gegangen ist, um uns mit dem Vater zu versöhnen. Er war ein Leuchtturm, wie einer von denen, die ich im Urlaub an der Nordsee gesehen habe. Ein Wegweiser und ein Mahner und ein Führer – auf  Jesus hin.

Und so kann ich sprechen

AMEN – so soll es sein.

 

 

Zinzendorf war der Sohn von Georg Ludwig Reichsgraf von Zinzendorf und Pottendorf (1662–1700) und Charlotte Justine von Gersdorff (1675–1763). Philipp Jacob Spener war sein Taufpate. Zinzendorfs Vater verstarb früh; fortan lebte Zinzendorf in Großhennersdorf in der Oberlausitz bei seiner frommen Großmutter, Henriette Katharina von Gersdorff, geborene von Friesen. Er besuchte von 1710 bis 1715 das Pädagogium der Franckeschen Stiftungen in Halle, wo er sehr im Sinne des Pietismus geprägt wurde. Gerade August Hermann Francke selbst hatte großen Einfluss auf ihn.

Von 1716 bis 1719 studierte Zinzendorf in Wittenberg Rechtswissenschaft. Er gründete 1710 mit Friedrich von Watteville den Senfkornorden (Sammlung von Liebhabern Jesu). Von 1719 bis 1720 unternahm er eine Bildungsreise in die Niederlande und nach Frankreich. Dort gewann er die Freundschaft von Menschen anderer Konfession (auch von Katholiken) und erlebte die Möglichkeit einer die Konfessionen übergreifenden Einheit unter Christen.

Von 1721 bis 1732 war er dann Hof- und Justizrat in Diensten August des Starken in Dresden. 1722 gründeten in seiner Abwesenheit Glaubensflüchtlinge aus Mähren die (unterhalb des Hutberges gelegene) Siedlung Herrnhut auf seinem Gut bei Berthelsdorf. Im August 1727 kam es zur Gründung der Herrnhuter Brüdergemeine durch einen Bußakt des Pfarrers Rothe, Zinzendorfs und der ganzen Gemeinde.

1731 bringt Zinzendorf einen westindischen Sklaven von Kopenhagen nach Herrnhut.

Seine Berichte von St. Thomas motivieren die Gemeine zur Missionsarbeit. So beginnt 1732 die Missionsarbeit der Brüdergemeine mit den Missionaren Johann Leonhard DoberundDavid Nitschmann Sie reisten nach St. Thomas und waren bereit, selber Sklaven zu  werden. 1735 begann die Missionsarbeit in Nordamerika unter Indianern in Georgia; 1737 unter den Khoi Khoi in Südafrika sowie an der Goldküste; 1738 in Suriname; 1754 in Jamaika.

1722 heiratete Zinzendorf Erdmuthe Dorothea Gräfin Reuß-Ebersdorf. Im Mai des gleichen Jahres erwarb er von seiner Großmutter das Rittergut Mittelberthelsdorf in der Oberlausitz. Dort begann im Juni 1722 die Aufnahme von Glaubensflüchtlingen aus Mähren, Nachkommen der alten böhmisch-mährischen Brüder. Diese gründeten außerhalb von Berthelsdorf die Siedlung Herrnhut (sorbisch Ochranow), aus der die kirchlich eigenständige Brüdergemeine erwuchs (später siedelten sich zahlreiche Flüchtlinge in Böhmisch-Rixdorf an). Von 1731 an wurden auch die sogenannten Herrnhuter Losungen herausgegeben - durch Losverfahren ermittelte Bibelverse als Leitgedanken für jeden Tag. Die Losungen werden bis zur Gegenwart jährlich neu - in viele Sprachen übersetzt - herausgegeben.

1734 wurde Zinzendorf als lutherischer Theologe ordiniert. Die Rechtgläubigkeitsprüfung erfolgte in Stralsund, die Ernennung zum Kandidaten in Tübingen. 1736 kam es zu einer Verbannung Zinzendorfs aus Sachsen (endgültig 1738). Er ging in die Wetterau und gründete dort die Gemeinden Marienborn (1736) und Herrnhaag (1738). 1737 wurde er durch den reformierten Hofprediger Daniel Ernst Jablonski in Berlin, der zugleich Bischof der polnischen Brüder-Unität war, zum Brüderbischof ordiniert. Die polnische Unität war durch Apostolische Sukzession mit der alten böhmisch-mährischen verbunden, deren eigene Bischofssukzession über Johann Amos Comenius hinaus nicht fortgesetzt werden konnte.

In den folgenden Jahren unternahm Zinzendorf Reisen als Prediger in die Ostseeprovinzen, nach England, Nordamerika, auf die Westindischen Inseln und Saint Thomas. Im Jahre 1747 wurde ihm die Rückkehr nach Sachsen gestattet, und 1749 erreichte er für die Herrnhuter Brüdergemeine die Freiheit der Verkündigung und die Tolerierung der Gemeinde als eine der sächsischen Landeskirche verbundene Gemeinschaft. Von 1750 an lebte Zinzendorf meistens in London, dann seit 1755 in Berthelsdorf. Nach dem Tod seiner Frau Erdmuthe Dorothea, zu der er sehr wenig Kontakt hatte, heiratete Zinzendorf einige Zeit später seine enge Mitarbeiterin Anna Nitschmann. Das Verhältnis zu Anna Nitschmann hatte er vor dem Tode seiner Ehefrau zuvor geheim gehalten.

 

 

Quellen:

Erich Beyreuther: Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf                        ISBN 3-7655-1191-9

Arno Pagel: Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf                                   ISBN 3-501-01404-X

Dietrich Meyer: Zinzendorf und die Herrnhuter Brüdergemeine             ISBN 978-3-525-01390-8

1. Losung: Wird jedes Jahr in Herrnhut aus ca. 1800 alttestamentlichen Bibelversen ausgelost.

2. Lehrtext: Wird passend zur Losung aus dem Neuen Testament ausgewählt. Stammt häufig aus der „fortlaufenden Bibellese“, siehe 6.

3. Dritter Text: Liedvers, Gebet oder bekenntnisartiger Text, der zum Gebet hinführt.

4. Liednummer: Evangelisches Gesangbuch oder (bei „Bg“): Gesangbuch der Evangelischen Brüdergemeine von 1967.

5. Erste Bibellese: Nach dem Kirchenjahr und den Sonntagstexten

6. Zweite Bibellese: Fortlaufende Bibellesen durch das ganze Neue Testament (in vier Jahren) sowie durch die wichtigsten Bücher des Alten Testaments (in sieben Jahren). Sie wird von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellese zusammengestellt.